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Wahnsinnsstimmung

Juli 21, 2009 · 1 Kommentar

wahnsinn

Im Radio spricht ein Experte über das sicherste Verkehrsmittel. Nein, weder Flugzeug noch Bahn. Es handelt sich um den Fahrstuhl. Der gute Mann hat recht. Etwa schon mal gehört, daß zwei Fahrstühle zusammengestoßen sind? Oder daß einer entführt wurde?

Ich blättere in alten Illustrierten. „Mariah Carey: Sie ist wieder da – nur ohne ihre Kleider.“ Die Arme. Ich blättere im „Heute“ der Kollegin und entdecke ein Super-Angebot: „Wenn Sie nebst einem fünf- bis siebenstelligen Einkommen Prämien wie Auto, Yacht, Flugzeug und Villa geschenkt bekommen wollen, dann rufen Sie heute noch an.“ Das klingt aber mal gut.

Auf YouTube verspeist ein weiblicher Jackass-Fan ein Brot, das mit dem Ohrenschmalz ihrer Idole beschmiert und mit deren Haaren belegt ist. Daraufhin wird sie zum Mega-Fan gekürt. Um auf andere Gedanken zu kommen, wechsle ich zu RTL. Ein Quiz vor der Werbepause verbreitet Kurzweil: „Was steckt man Babys zur Beruhigung in den Mund? 1. Schnuller. 2. Cevapcici.“ Einfach anrufen und gewinnen. Ich rufe einfach an und gewinne nicht.

Per eMail trudelt ein seriöses Geschäftsangebot ein. Absender: „Mr. Peter Nduku, one of the former adviser on arms control and acquisition to the current president of Sierra Leone, His excellency Ahmed Kabbah.“ Keine üble Referenz. Die Rede ist von Investitionen mit enormer Rendite. Die Sache hat natürlich viel mit Vertrauen zu tun und so, dafür gibt es nur wenig Formalitäten und null Risiko. Muß ich mir echt überlegen.

Blättere im Teletext. Stimme bei Votings mit ab: Haben Sie Angst vor Gen-Food? Sollen Jackos Kinder ins Showbiz? Finden Sie den Flamingo-Nachwuchs in Schönbrunn süß? Brauchen die ISS-Astronauten wirklich zwei Klos? Zur Auswahl stehen immer „Ja“ und „Nein.“. Entscheide mich stets ein Mal für „Ja“ und ein Mal für „Nein“. Man weiß ja nie. Lande auf einer Teletext-Seite mit Telefonsex-Angeboten. Es locken Christina („Von der Uni geflogen: Ich will poppen statt büffeln.“), Lola („Warte nicht, bis ich alt bin“) und Babs, 21 („Ossi-Zicke, hat eine Menge aufzuholen“). Hallo, wo ist denn hier das Angebot für Damen, ihr Sexisten!?

Ein namensloser Personaldirektor trägt mir per E-Mail „ein zusätzliches monatliches Einkommen über 5.000 *“ an. Ich weiß zwar nicht, um welche Währung es sich bei * handelt, aber 5000 klingt schon nach einer Menge Zaster. Zumal es heißt: „Keine Versicherung – Kein Haustürgeschäft – aber arbeiten müssen Sie bei uns auch!“ Das schafft Vertrauen.

Noch eine Nachricht auf dem Rechner: „Hallo, nachdem ich dir ja schon eine Mail geschickt habe, weiss ich leider nicht ob sie bei dir angekommen ist, weil ich einen Fehler gemacht habe. Jetzt aber noch einmal: bevor mich wieder der Mut verlaesst, will ich es gleich sagen: Ich habe mich wirklich in dich verliebt! Da ich mich nicht traue es dir persoenlich zu sagen, habe ich mich entschlossen, mich bei einem tollen Angebot anzumelden und Dir diese Mail zu senden. Wenn Du wissen willst wer ich bin, gehe auf die Seite und gebe als usernamen …“ Muß ich unbedingt machen. Aber wozu brauchen die meine Kreditkartennummer?

Der junge Mann im Radio kündigt einen „Oldie“ an: das Titanic-Lied. Ist das schon wieder so lange her? Wie die Zeit vergeht! Was bedeutet „My Heart Will Go On“ überhaupt? Das Internet-Übersetzungsprogramm hilft: „Mein Inneres geht auf“. Danke vielmals. „Smoke on the water and fire in the sky“ heißt übrigens „Rauchen Sie auf dem Wasser und dem Feuer im Himmel“. Und „Yesterday all my trouble seemed so far away“ auf gut Deutsch: „Gestern meine schien ganze Mühe bis jetzt weg“. Von wegen, man verblödet vor dem Computer und lernt nichts bei die Medien.

Wo wir schon beim Lernen sind: Im Computer wollen mich wieder tolle Frauen kennenlernen. „Hallo, lieben Sie junges, unverdorbenes Blut …“, „Tired from demanding western wifes? Russian hosewifes are different and want to satisfy you!“, „I am home alone waiting for you. Just Katrina, her girlfriends and our little camera!“ Dabei steh’ ich eigentlich schon immer auf Männer.

Bin etwas verspannt. Schaue zur Abwechslung Soaps. Dann Krimis. Magazine. Boulevard Bio. Keine Ahnung, wer da zu Gast ist. Bin müde, alles dreht sich. Tomaten aus der Dose sind okay, aber den Pfeffer immer frisch aus der Mühle. Danke, Bio.

Erfahre, dass Bio den Boulevard bereits verlassen hat. Was hab ich dann gestern geglotzt? Kerner? n-tv-Aktienkurse? Schaue ich zu viel fern? Oder zu wenig? Recherchiere im Internet über das Thema Medienerkrankungen. Symptome: Verbaldiarrhoe, Hirninkontinenz, Differenzierungs-Unverträglichkeit. Das ängstigt mich. Merke dann, daß ich auf einer Satire-Seite gelandet bin. Keine Erleichterung, stattdessen Schwindelgefühl. Träume von Talkshows: Friedman ist bei Bärbel Schäfer zu Gast. Dann Schäfer bei Friedman. Dann beide bei der Kiesbauer. Dann kochen alle gemeinsam bei Bio.

Wache schreiend auf. Schaue in den Spiegel. Bin blaß. Ein Glück, daß mir per Mail die „Amish Healing Salve“ angeboten wird. „From the heart of Amish country comes an all natural healing ointment passed down from several generations. Over 50.000 tins have been sold so far all over the world yet every tin is still made and packaged by the same family.“

Zur Entspannung wieder Teletext. „Heiße XXX-Spiele auf WC heimlich belauscht.“ Ich weiß nicht so recht. Habe schon ein Rauschen im Ohr. Vielleicht doch zur „Gummibärchenparty“? Motto: „Wir haben die Bärchen. Hast Du den Gummi? Wir brummen live.“ Es brummt. Es dröhnt. Es schwankt. Sollte wirklich zum Arzt. Dr. Brinkmann vielleicht? Praktiziert leider nicht mehr. Bekomme kaum noch Luft. Wie soll es weitergehen, was mache ich nur aus meinem Leben? Andere Menschen verbringen ihre Zeit immerhin damit, Bilder zu malen, auf denen Fred Feuerstein einen geblasen bekommt, wie ich im Internet sehe. Mir wird schwarz vor Augen.

Wieder besser drauf. Die Post bringt die Telefon-Rechnung. Von wegen Vorkriegspreise.

Ich sollte ein paar Tage ausspannen. Wegfahren. Vielleicht zu den Amish-Leuten mit der Salbe. Oder in Rußland die netten Hausfrauen besuchen. Hoffentlich bekomme ich noch einen Fahrstuhl.

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Erwachsen auf Probe – Tischdeckenblusen und Fliesentischen

Juni 4, 2009 · 1 Kommentar

Mein persönliches Highlight in der ersten Folge von „Erwachsen auf Probe” war ja diese Szene:

tischbluse

Hatte die Frau noch Tischdeckenstoff übrig und hat daraus eine Bluse gemacht? Hatte sie noch Blusenstoff übrig und hat daraus eine Tischdecke gemacht? Oder gibt es Läden, in die man gehen kann und sagen: Ja, schöne Tischdecke, und jetzt hätte ich dazu gerne noch eine passende Bluse, für wenn das Fernsehen mal kommt?

Ich weiß auch nicht, ob das total menschenverachtend ist, dass die Fernsehleute die Frau gleich bloßstellen und Bluse und Tischdecke gleichzeitig in einem Split-Screen zeigen. Oder ob die Frau womöglich darauf bestanden und gesagt hat: Aber ich mach nur mit, wenn ihr zeigt, dass ich zu der Bluse auch eine passende Tischdecke habe.

Aus irgendeinem Grund hat mich das Arrangement an die frappierende Dominanz von Fliesentischen in den Wohnzimmern der Art Menschen erinnert, die Kamerateams von RTL oder Pro Sieben in ihr Haus lassen. Gerade gestern bin ich (in einer ohnehin überdurchschnittlich bizarren Folge von „Mitten im Leben”) auf folgende Wohnzimmersituation gestoßen:

fliesentisch

Persönlich kenne ich exakt null Menschen, die einen Fliesentisch ihr eigen nennen oder eine Tischdecke passend zur Bluse haben. Aber das entspricht ja genau der Zahl der Menschen, die ich kenne, die schon mal bei „Mitten im Leben”, „Erwachsen auf Probe” oder in ähnlichen Sendungen mitgewirkt haben.

Übrigens: Kennen Sie schon das „Deutsche Fliesentischmuseum„?

Kategorien: Alltag · Blabla
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Flipping Out

Mai 11, 2009 · Kommentar schreiben

Am Wochenende lief auf Arte die Dokumentation „Flipping Out“ über ehemalige israelische Soldaten, die ihren Dienst abgeleistet haben und von ihrem Abschlusssold nach Indien reisen, dort ausflippen und versuchen, mit Drogen die Kriegserlebnisse zu vergessen. Die Doku ist online bei Arte für sieben Tage anzusehen.
flipping
Nach Ableistung ihrer dreijährigen Wehrpflicht erhalten junge Israelis – Männer wie Frauen – einen Abschlusssold von 15.000 Schekel. Viele verwenden diese Abfindung für eine Reise nach Indien. Dort investieren sie das Geld in Drogen aller Art. Sie rauchen Wasserpfeife, liegen in Hängematten und feiern ausgelassen bis in die Morgenstunden. Dennoch können sie nicht entspannen. Viele der ehemaligen Rekruten sind von den Militäreinsätzen in den besetzten Gebieten traumatisiert. Und der exzessive Drogenkonsum hat weitere schwerwiegende Folgen für die ohnehin schon labile Psyche.

Jährlich benötigen rund 2.000 der israelischen Aussteiger nach ihrem Indientrip wegen des “Flipping out” genannten Phänomens professionelle Hilfe. Einige von ihnen leiden unter Paranoia und verschanzen sich, aus Angst ermordet zu werden, in Hütten. Andere stellen sich fiktive neue Lebensaufgaben und versuchen zum Beispiel die indische Region Goa in einen Orangenhain zu verwandeln – notfalls mit Waffengewalt. Zahlreiche religiöse und weltliche Organisationen nehmen sich der mitunter noch sehr jungen Leute vor Ort an und veranlassen Rehabilitierung und Rückreise.

Über zwei Jahre lang begleitete Filmemacher Yoav Shamir (”Checkpoint”, “5 Days”) die israelischen Aussteiger. Sein dritter politischer Dokumentarfilm “Flipping out” zeichnet das Bild einer tragisch-komischen Gesellschaft, die aus den Fugen geraten ist. Die skurrilen Porträts bezeugen tiefgreifende Psychosen, in denen sich traumatische Kriegserlebnisse untrennbar mit der Euphorie über die wieder gewonnene Freiheit vermischen. Der Gedanke an eine Rückkehr ins zivile Leben scheint für viele in ungreifbarer Ferne zu liegen.

Flipping Out.

Kategorien: Kunst
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