Virtuelle Beziehungen eskalieren grundsätzlich, und zwar in jede Richtung – vertikal wie horizontal, vektorial, auktorial, intermedial und spirituell. Ob es sich um eine freundschaftliche, eine erotische oder eine Arbeitsbeziehung handelt, im virtuellen Raum wird Liebe zu Hass und Hass zu Liebe. Das Medium scheint einen Katalysatoreffekt auf Gefühle aller Art zu haben. Liegt es wirklich am Medium? Ich glaube nicht.
Es liegt daran, dass wir monadengleich in viereckigen Kästen hocken und auf viereckige Kästen starren, die uns Informationen, Emotionen und Tagesbefindlichkeiten verschiedenster Individuen transportieren – an der Monade, die sich mit verschiedenen technischen Hilfsmitteln eine soziale Interaktion simuliert, die gar nicht stattfindet.
Schlössen wir in einer Art Gedankenexperiment einen einzelnen Hund an den virtuellen Raum an und überfluteten ihn mit den Informationen anderer Hunde, würde er wahrscheinlich versuchen, sich selbst die Kehle durchzubeißen oder mit sich selbst zu kopulieren.
Warum?
Turid Rugaas, eine norwegische Hundetrainerin, hat heraus gefunden, daß Hunde über ein breit gefächertes Repertoire von so genannten calming signals verfügen – Zeichen, die Konflikte entschärfen und Spannungen abbauen sollen.
Allein gelassen vorm Computer ist der arme Hund weder in der Lage, calming signals zu empfangen, noch, welche zu senden. Also wird er verrückt.
Menschen kennen ebenfalls Beschwichtigungssignale: mit den Augen zwinkern, eine Hand auf den Arm legen, ein Lächeln oder ein Lachen. Befinden wir uns nicht gerade mit Hilfe eines Cybersuits oder einer Videokonferenz im virtuellen Raum, haben wir keine Möglichkeit, konfliktlösende Signale zu senden oder zu empfangen. Die geschriebene Sprache, wie sie in eMails, Foren oder Weblogs verwendet wird – reicht dazu nicht aus, birgt eine Fülle von Möglichkeiten für Mißverständnisse und Fehlinterpretationen.
Es gibt also nur drei Wege, die wir gehen können:
- Wir gehen offline und lassen uns vom echten Leben annerven, bis wir wahnsinnig werden.
- Wir bleiben im Internet und verlieren den Verstand.
- Wir treiben die technologische Entwicklung des Cybersuits voran.
Punkt 3 bietet nicht die Garantie für uneingeschränkte geistige Gesundheit, hätte aber den Vorteil, daß endlich jeder Sex haben könnte, ohne vorher eine real existierende Person mühsam dazu überreden zu müssen: Alle hätten die ganze Zeit Sex wie verrückt mit ihrem idealen virtuellen Partner.
Das klingt für mich irgendwie nach der erfreulichsten Lösung.









